Endlich ist es soweit! Lange hat der Markt auf ein spiegelloses System mit FX-Sensoren von Nikon warten müssen. Vor kurzem wurde aber genau dies angekündigt und auf der Photokina in Köln dann auch gleich vorgestellt. Die Nikon Z6 und Nikon Z7. Gleich vorab, ich hatte noch nicht das Glück eine der beiden Kameras selbst zu testen. Dieser Artikel besteht daher auch eher aus meinen grundsätzlichen Überlegungen zu spiegellosen Systemen, wie sie beispielsweise Sony schon lange im Produktportfolio führen und natürlich zu den diversen Infos im Netz. Spekulationen über die Datenblätter und sämtliche Features kursieren derzeit nämlich zuhauf im Netz. Ich versuche ein bisschen das was für mich wirklich praxisrelevant ist, herauszufiltern.

Warum überhaupt eine DSLM?

Aktuell arbeite ich mit einer Digitalen-Spiegelreflex-Kamera. Eine Nikon D610 um genau zu sein. Mit dieser bin ich auch für meine Zwecke, mehr als zufrieden. Warum denke ich dann überhaupt über ein spiegelloses System nach? Das hat natürlich mehrere Gründe, die in diesem Artikel alle noch erläutert werden. Schon seit langem schiele ich auch mit einem Auge auf das spiegellose Vollformat-System von Sony. Was mich bisher davon abgehalten hat, waren die schlechtere Haptik, der fehlende optische Sucher und vor allem das begrenzte Objektivangebot von für das Sony-E-Mout Bajonett. Letzteres hätte ich natürlich mit einem Adapter umgehen können, aber ob der dann technisch wieder einwandfrei funktioniert? Kurz gesagt: Es gab noch viele Fragezeichen.

Warum ich letztendlich doch über eine Nikon DSLM nachdenke, hat aber genau mit diesen „Vorurteilen“ zu tun. „Ich brauche eine große Kamera, die gut in der Hand liegt.“ oder „Ohne meinen optischen Sucher könnte ich nicht vernünftig fotografieren“, waren meine Aussagen wenn es um die Sony-DSLMs ging. Nun ja, meine Denkweise hat sich hier im Laufe der Jahre doch stark verändert. Wenn man mal eine solche Sony in der Hand hat, gewöhnt man sich schnell daran. Vor allem mit Batteriegriff. Einen elektronischen Sucher habe ich, ironischerweise, durch eine uralte Canon G1X Kompaktkamera zu schätzen gelernt, mit der ich ausschließlich im LiveView arbeite. Oftmals haben spiegellose Systeme auch höhere Serienbildraten, da die träge Spiegelmechanik entfällt. Genau diese Mechanik ist meist auch das erste, das bei klassischen Spiegelreflex-Kameras kaputt wird.

Die Daten zur Nikon Z6 und Z7

Um die beiden Kameras grob einschätzen zu können, habe ich ein paar Daten in einer Übersicht gesammelt. Es gibt sicherlich noch mehr wichtige Daten, und für jeden wird das eine oder andere mehr oder weniger wichtig sein. Ich habe versucht das zu sammeln, was für mich wichtig ist.

Nikon Z6 Nikon Z7
Sensorgröße Vollformat – 24 x 36mm Vollformat – 24 x 36mm
Sensortyp CMOS CMOS
Auflösung 24,5 Mpx 45,7 Mpx
Pixelgröße 35.60 µm² 20 µm²
Serienbilder 12 Bilder/s 9 Bilder/s
Sucher Abdeckung 100% 100%
Sucher Auflösung 3,68 Mpx 3,68 Mpx
Höchste ISO-Empfindlichkeit 51200 ISO 25600 ISO
ISO-Boost 204800 ISO 102400 ISO
AF-Messfelder 273 Messfelder 493 Messfelder
Preis 2.449€ 3.849€

Nach dem ersten Vergleich steht für mich direkt fest: Die Z7 scheidet vorerst aus. Sie unterscheidet sich hauptsächlich nur in der Auflösung und den AF-Feldern. Eine Auflösung von über 40 Mpx habe ich in der Praxis noch nie benötigt. Sollte ich bei meinen Landschaftsaufnahmen doch jemals in die Verlegenheit kommen, könnte ich auch ein Panorama aus mehreren Aufnahmen dafür erstellen. Die Zahl von 273 AF-Feldern in der Z6, ist im Vergleich mit aktuellen Spiegelreflexkameras ein wahnsinniger Wert. Ich wüsste also nicht, wofür ich die 493 Felder der Z7 brauche. Warum sollte ich also erheblich mehr Geld ausgeben, um eventuell hinterher auch noch ein schlechteres Rauschverhalten aufgrund der kleineren Pixel zu haben? Ich werde mich daher, beim weiteren Artikel vorwiegend auf die Z6 beziehen.

Das neue Objektivbajonett – Nikon Z-Mount

Mit Einführung eines spiegellosen Systems von Nikon geht auch ein neues Bajonett an den Start. Das kann bauartbedingt durchaus erforderlich sein. Nikon verspricht viel mit dem neuen Bajonett. Dadurch, dass sich der Innendurchmesser von 44mm auf 55mm erhöht hat, sollen Objektive mit einer Lichtstärke von f/0.95 möglich sein. Mit dieser Ankündigung erscheint es geradezu lächerlich, dass Nikons erstes Zoom-Objektiv der S-Line nur mit einer durchgehenden Blende von f/4 ausgestattet ist (Nikkor Z 24-70mm f/4 S). Auch die beiden Festbrennweiten sind nicht übermäßig Lichtstark mit 35mm f/1.8 und 50mm f/1.8. Bleibt zu hoffen, dass sie dann wenigstens optisch auf absolutem Top-Niveau performen.

Nikon Z6 Voderansicht

Wie bereits erwähnt hat mich von den spiegellosen Sony’s immer gerade ein Thema fern gehalten: Die Auswahl an passenden Objektiven. Für das Sony E-Mount gibt es einfach nicht derart viel Auswahl an Objektiven wie für das Nikon F-Mount. Wenn es dann trotzdem ein passendes von Sony, Zeiss oder Sigma gibt, dann ist es oft nahezu unbezahlbar. Ich dachte dieser Umstand ändert sich mit dem Erscheinen der Nikon DSLMs. Leider ist dem nicht so, zumindest nicht auf den ersten Blick. Immerhin gehört ein Adapter für F-Mount-Nikkore zum Lieferumfang (Nikon FTZ-Adapter). Da dieser, wie auch die Kamera und die Linsen, dann aus einem Hause stammen gehe ich mal davon aus, dass er besser funktioniert als die Notlösungen von Nikon oder Canon auf Sony-E-Mount. Das müssen aber Praxistests erst noch zeigen.

Welche Vorteile sehe ich in der Z6?

  • Bildstabilisierter CMOS-Sensor mit Backside-Illumination

Der Sensor ist das Herzstück einer jeden Kamera und soll bei der Z6 recht ordentlich ausfallen. Die 24,5 Mpx sind für meine Zwecke völlig ausreichen, weshalb ich auf die 45 Mpx der Z7 getrost verzichten kann. Dafür habe ich lieber die größeren Pixel die oft in besserem Rauschverhalten resultieren. Der Dynamikumfang soll sehr gut sein, aber nichts sonderlich Innovatives. Ca. 13 – 14 Blenden Dynamikumfang kennen wir schon von vielen Spiegelreflex-Modellen. Ein großes Plus ist natürlich die Tatsache, dass der Sensor bildstabilisiert ist. So tut man sich bei schlechteren Lichtverhältnissen auch leicher, wenn im Objektiv kein VR verbaut ist. Sollte das doch der Fall sein, arbeiten die beiden angeblich sogar zusammen.

  • Elektronischer Sucher

Zählt für mich inzwischen zu einem der Größten Vorteile. What-you-see-is-what-you-geht ist hier die Devise. Ich kann das Ergebnis beurteilen, noch bevor ich auf den Auslöser drücke. Änderungen an Blende, Shutter oder ISO werden sofort sichtbar. Das hilft natürlich auch beim manuellen Fokussieren im Dunkeln, Stichwort Astrofotografie. Zudem kann ich mir in einen elektronischen Viewfinder diverse Hilfen einblenden lassen, wie z.B. ein Histogramm. Ebenfalls eine große Hilfe beim manuellen Fokussieren: Fokus-Peaking.

  • Phasen- und Kontrast-Autofokus

Ein Mix aus Phasen- und Kontrast-AF verspricht in erster Linie eine besser Reaktionsgeschwindigkeit und besser Treffsicherheit. Gerade wenn es dunkler wird, ist der Kontrast-AF allein schnell an der Grenze und fällt durch unangenehmes hin- und herfahren auf. Der Phasen-AF ist zwar schneller an Ort und Stelle, gilt aber in vielen Fällen als nicht so präzise. Eine Kombination aus beidem soll dabei den Nachteil des jeweils anderen aufheben. In der Praxis funktioniert das bei anderen Herstellern bereits sehr gut. Wie Nikon sich dabei schlägt, bleibt abzuwarten.

  • Größe und Gewicht

Natürlich ist ein Argument die Größe das Gewicht. Ich war lange Zeit der Meinung aus ergonomischen Gründen, mit nichts ausser DSLR-System arbeiten zu können. Inzwischen muss ich sagen, sind die Gehäuse der spiegellosen Kameras ergonomisch sehr gut geformt. Die Bilder der Z6 lassen selbiges vermuten und Nikon wirbt auch mit einem angeblichen Handling wie bei einer Spiegelreflex. Vorteil des kleineren Gehäuses ist natürlich das geringere Gewicht. Bei anstrengenden Wanderungen oder Bergtouren ist das durchaus ein Faktor.

Welche Nachteile sehe ich in der Z6?

  • das neue Bajonett

Die größte Hemmschwelle, die mich bisher von den DSLM’s von Sony abhielt ist noch immer das Bajonett. Für das Sony E-Mount gibt es nicht eine so große Auswahl an Objektiven und die, die es gibt, sind meist teuerer. Ich hätte mir natürlich von einer Nikon DSLM gewunschen, meine Objektive weiterverwenden zu können. Nikon ermöglicht dies zwar durch den mitgelieferten Adapter, aber das hat eben schon wieder etwas diesen Charakter einer Bastellösung. Ausserdem ist damit der Gewichtsvorteil erstmal wieder dahin. Schwach finde ich persönlich die Objektive, die zum Z-Mount bisher released wurden. Wenn man ein Bajonett mit der Begründung der besseren Lichtstärke auf den Markt wirft, dann sollte man das doch auch irgendwie demonstrieren, oder? Das 24-70mm hat eine durchgängige Blende von f/4 und kostet dafür schon fast unverschämte 1.099€. Schon seit einigen Jahren gehört das AF-S 24-70mm f/2.8 für viele zu den Standard-Gläsern. Somit hat sich Nikon mit den neuen Linsen auf den ersten Blick nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Bleibt nur zu hoffen, dass die neuen Objektive wirklich auf oberstem Niveau performen, damit der Preis auch irgendwo halbwegs eine Rechtfertigung findet.

  • Ausschließlich XQD-Speicherkarten

Warum Nikon bei der Z6 und Z7 ausschließlich auf XQD-Karten setzt ist mir auch noch ein Rätsel. Begründet wird das mit den steigenden Datenmengen, welche angeblich solche schnellen Karten benötigen. Fraglich ist dabei jedoch, warum es andere Hersteller wie Panasonic mit der GH5 schaffen Videodaten sogar in 4K@60fps auf eine SD-Karte zu schreiben, Nikon aber nicht. Z6 und Z7 kommen beim 4K Video nicht über 30fps hinaus und benötigen dafür dann aber so extrem schnelle Karten? Ich glaube da eher an eine firmenstrategische Entscheidung. Und die kostet mich noch eine Menge Geld. Die bisher günstigste XQD-Karte mit 32GB, die ich finden konnte kostet immerhin satte 80€ (Stand Oktober 2018). Zwei 64GB oder vier 32GB-Karten sollten es für mich dann aber schon sein, weshalb ich zur Anschaffung der Cam nochmal mindestens 300€ drauf rechnen muss. Ein Kartenlesegerät ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Das bräuchte ich aber auch, da mein MacBook die XQD-Karten auch nicht frisst. All das schreckt schon nochmal ab.

  • Videofunktionen

Ich sage es gleich direkt: Für mich ist die Videofunktion eher zweitrangig. Eigentlich mache ich eigentlich seltener Videos, was aber nicht heißt das ich das in Zukunft nicht vielleicht öfter machen möchte. Aber man will ja gewappnet sein. Jedenfalls muss ich ganz klar auch hier sagen: In der Preiskategorie bieten andere Hersteller mehr. 4K mit 30fps ist vor allem wegen der teuren XQD-Karten nicht mehr zeitgemäß. Endlich gibt es zwar über den Sucher Fokus-Peaking und Zebra, aber die Konkurrenz arbeitet da einfach mit Bildraten, Videoformaten und Codecs die einfach moderner sind und mehr Datenreserve für die Nachbearbeitung bereitstellen.

  • Klappdisplay

Es steckt eigentlich schon in der Bezeichnung dass es sich eben nur um ein Klappdisplay handelt. Man kann es also nur in eine Achse ausklappen, aber nicht frei schwenken. Ja, das mag ein marginaler Kritikpunkt und für viele irrelevant sein. Aber schon allein wegen des hohen Preises haben die beiden Nikons den Anspruch im Profibereich verglichen zu werden, und da machen das andere Hersteller schon lange besser.

Mein Fazit

Nikon mach für mich mit der Z6 einiges richtig und geht endlich neue Wege. Zu lange Zeit haben sich die Platzhirschen Canon und Nikon auf ihrer Vormachtstellung ausgeruht und sich dabei oft von der Konkurrenz überholen lassen. Dabei gingen natürlich Marktanteile verloren. Viele Kunden sind z.B. zu Sony abgewandert weil sie gesehen haben, was man dort alles möglich macht. Ich dachte, dass Nikon sich dem mit einem High-End-Gerät entgegen stellt. Diese Erwartungshaltung wird für mich allerdings nur zum Teil erfüllt. Der Preis, ja, der ist im High-End-Bereich angesiedelt.

Leider baut Nikon in die Z6 und Z7 vieles ein, dass es bei Sony eben auch schon länger gibt, also schon State-of-the-Art ist. In manchen Bereichen hinkt Nikon sogar noch hinterher. Dafür halte ich die veranschlagten 2.449€ bzw. 3.849€ für vollkommen überzogen. Vor allem wenn man bedenkt, dass noch enorme Folgekosten für die XQD-Karten obendrauf kommen. Ich werde die Preisentwicklung ersteinmal beobachten und vielleicht ja in 1-2 Jahren bei einer gebrauchten Z6 zuschlagen wenn der Preis dann stimmt. Oder ich lasse mich bis dahin doch noch zu einem Systemwechsel zu Sony überzeugen. Aber die Tatsache, dass ich auf ein Spiegelloses System wechsle ist auf lange Sicht schon mehr oder weniger beschlossene Sache.

Nikon Z6 Klappdisplay