Voller Vorfreude mache ich mich auf den beschwerlichen Weg zum Schrecksee in den Allgäuer Alpen. Der Rucksack ist voll mit Kameraequipment, Verpflegung, Wetterschutz und einem Schlafsack. Schließlich möchte ich auch eines dieser Bilder vom Schrecksee bei Sonnenauf- oder Untergang in goldenem Licht. Wenn nicht, dann wenigstens eine schöne Nebelstimmung. Auch so habe ich den Schrecksee schon des Öfteren auf Instagram gesehen. Ich freue mich auf die abendliche Einsamkeit. Nach einem stundenlangen Marsch komme ich endlich oben an… und bin entsetzt.

Auf den ersten Blick sehe ich um die 50 andere Menschen. Viele davon Fotografen, die mit ihren Stativen aufgereiht, nebeneinander alle ein und dasselbe Bild machen. Einige der Besucher steigen wieder ab, aber mindesten 15 Kandidaten bleiben die Nacht über hier. Überall entlang des Weges findet man Müll von den vielen tausend Besuchern, die jeden Monat hierher kommen. Die Pflanzen- und Tierwelt leidet stark unter dieser Art des Übertourismus.

Feindbild Nr. 1 – der Tourist

Der Schrecksee ist dabei nur ein eher lokales Beispiel. Weltweit gibt es unzählige dieser Orte. Egal, ob man in Großstädte wie New York, Venedig oder Paris schaut, oder auch in manch kleines Örtchen wie San Gimignano. Es ist überall das Gleiche Bild: Menschenmassen in den Straßen! Sie legen den Verkehr lahm, bringen Müll mit und treiben die Preise in die Höhe. Dabei sind sie doch eigentlich auf der Suche nach dem Reiz des Unbekannten. Nach einer fremden Kultur und anderen Lebensweisen. Es erscheint geradezu paradox, dass sie eben genau das an diesen Orten nicht mehr finden. Die Einheimischen bleiben nämlich zunehmend weg. Sie haben einfach keine Lust, sich beim Einkaufen durch tausende von Menschen zu quetschen oder können sich oft das Leben vor Ort gar nicht mehr leisten.

Auch Locations, die eigentlich für ihre wunderschöne Natur bekannt wurden, bleiben nicht von Übertourismus verschont. Schrecksee, Pragser Wildsee oder das sogenannte „Influencer-Becken“ am Königssee, welches seinen Namen schon dem Problem an sich zu verdanken hat. Es wird keine Rücksicht auf die Pflanzen- oder Tierwelt genommen, Berge von Müll bleiben zurück und die Leute bringen sich oft auch noch zusätzlich selbst in Gefahr. Die Folge aus dieser Form des Übertourismus sind meist Verbote, Kontrollen und Strafen. Das Vokabular für die Zeitungsartikel stammt dann oft aus der Kriegsberichterstattung oder ähnlichem: Von einer Invasion ist oft die Rede.

Wir beobachten in den letzten Jahren immer steigende Touristenzahlen und immer größere Besucherrekorde. Die moderne Gesellschaft gab diesem Phänomen den Namen „Overtourism“. Eigentlich wurde genau das von Hans Magnus Enzensberger in den fünfziger Jahren schon beschrieben, nur eben etwas Stilvoller:

„Der Reisende zerstört das, was er sucht, indem er es findet“

Hans Magnus Enzensberger, Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus“

Soviel dazu. Geschrieben habe ich hier ständig nur von „denen“… aber gemeint habe ich auch mich selbst. Wenn man dieses Zitat für bare Münze nimmt, kann es auch gar nicht anders sein, oder?  Ich rege mich zwar gern über all die Pauschaltouristen auf, die alles zerstören. Aber aus Sicht der Natur, oder eines Anwohners, bin ich doch bloß einer von ihnen. Ein Störenfried. Okay, ich behaupte schon, dass ich mehr auf meine Umgebung achte, als die meisten anderen. Ich maße mir diese Aussage jetzt einfach an. Aber trotzdem bin ich eine Belastung. Niemand mag Touristen. Sie mögen sich ja noch nicht mal selbst. Denn keiner will einer dieser Pauschaltouristen sein – Touristen, das sind immer nur die anderen.

Eine Lösung habe auch ich nicht

Behörden, Verbände und die Touristikbranche versuchen inzwischen eine Lösung für diesen exzessiven Übertourismus zu finden. In New York versucht man beispielsweise, den Besucherstrom in Stadtteile wie Queens zu ködern. Sie sollen für Touristen attraktiver gemacht werden. Aber verlagert man das Problem dann nicht nur einfach? Im österreichischen Hallstadt kostet inzwischen der Zugang zu Uferpromenade Eintritt und in Dubrovnik soll eine App eingeführt werden, die anzeigt, wann die Innenstadt für einen Besuch zu voll ist. All das kann aber keine Lösung sein. Auch immer weiter steigende Preise und Eintrittskarten machen es nicht besser. Das einzige was damit erreicht wird: Die Welt steht nur noch den Wohlhabenden offen. Wie in einem überdimensionalen Country-Club.

Aber wie bereits der Überschrift des Artikels zu entnehmen ist, gebe ich einen Großteil der Schuld dem Wohlstand im Allgemeinen. Der wesentlich kleinere Teil der Weltbevölkerung wird immer wohlhabender. Wohlstand geht, vor allem in Zeiten des Internets, aber auch mit einer immer größer werdenden Unzufriedenheit einher. Das Verlangen nach immer mehr materiellen Dingen wird stetig größer, und eben seit einigen Jahren auch das Verlangen nach ständig spektakuläreren Erlebnissen. War es in den 90er Jahren noch ein riesiges Thema, wenn jemand aus dem Freundeskreis ein halbes Jahr Backpacken in Australien war, so nervt mich heutzutage schon jeder, der denkt, deswegen noch etwas Besonderes zu sein. Man nennt sich dann einen „Explorer“ oder „Traveller“, versucht das als Lifestyle zu verkaufen und denkt, man ist anders als die anderen Millionen von Touristen. Mann muss schließlich seinen Instagram-Account mit spektakulären Bildern füllen, um irgendwie an Anerkennung zu kommen. Wieder Zuhause angekommen, sucht man sofort wieder nach dem nächsten „Geheimtipp“ oder man berichtet online anderen von seinen entdeckten Geheimtipps. Orte, die authentisch sind und nicht von Touristen überlaufen. Damit versaut man den Einheimischen dann noch ihre letzten Zufluchtsstätten. „Der Reisende zerstört das, was er sucht, indem er es findet“, der Kreis schließt sich.

Ein paar Ideen hätte ich aber schon

Jetzt habe ich ganz schön ausgeteilt, oder? Ich will gleich dazu sagen, dass ich mich selbst nicht immer ausnehmen kann. Dieser Artikel besteht zu weiten Teilen auch aus Selbstreflexion. Aber ich versuche dennoch, egal wo ich bin, so schonend wie möglich mit meiner Umgebung umzugehen. Sei es nun mit der Natur, die mich umgibt, oder mit den Menschen in meiner Umgebung. Ich glaube, wenn sich das wirklich jeder zu Herzen nehmen würde, wäre schon einiges geschafft.

Wenn man dadurch ein wenig mehr Bewusstsein für seine Umwelt entwickelt, dann kann über viele Jahre hinweg auch ein allgemeines Umdenken stattfinden. Mit Plastik oder Müll im Allgemeinen ist dasselbe passiert. Vor vielen Jahren hat man jeden Müll einfach in die Erde gegraben. Egal ob es sich um Plastikbesteck oder Autobatterien handelte. Ein Umdenken hat stattgefunden. Das macht man einfach nicht mehr. Es gehört sich nicht. Lass es einfach bleiben! Punkt! Das Thema Rauchen ist auch ein gutes Beispiel dafür. Während man in den 60ern noch in jeder Behörde (ja sogar in Flugzeugen!) rauchen durfte, ist das heute nicht mal mehr am Bahnsteig erlaubt. Innen rauchen und Nichtrauchern den Qualm aufzwingen? Tut man nicht! Lass es! Wenn dieses Denken auch mal für Billigflüge und Pauschalreisen einsetzen würde… Du willst mal schnell einen Flug nach Paris über’s Wochenende für 80 Euro? Macht man nicht! Lass es bleiben! Mit dieser Einstellung wäre ebenfalls schon viel geschafft, und ich bin mir fast sicher, dass sich dieses Bewusstsein für Pauschal- und Übertourismus irgendwann zwangläufig durchsetzen muss. Sonst haben wir ein Problem. Ich suche mir übrigens gern ganz bewusst auch mal Reiseziele und vor allem Fotolocations, die ich so noch nicht zuhauf im Netz gesehen habe. Auch damit würde sich der konzentrierte Übertourismus etwas dezentralisieren lassen.

Die Letzte, und vielleicht wichtigste Idee, die ich da noch habe, ist: Sei zufrieden mit dir selbst und mit dem, was du hast! Es ist nicht nötig, dass jedes deiner Instagram-Bilder in einem anderen Land aufgenommen wird. Du kannst auch so interessante Dinge tun. Sei zufrieden mit dir selbst und dem, was du tust, auch wenn du es nur vor der eigenen Haustür tust. Dann kann man vielleicht wirklich öfter mal zuhause bleiben, ohne das Gefühl zu haben etwas zu verpassen.

Niemand sagt, dass man nicht reisen darf oder sollte. Ich könnte auch nicht ohne. Aber vielleicht beschränkt man sich auf einen größeren Urlaub im Jahr, statt ständig kurz mal für 2 Tage nach Dubrovnik, oder wohin auch immer, zu fliegen.